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Das war ACAN 2023

06. Juli 2023

Lange wurde geplant, organisiert und gewartet - nun ist die Annual Conference for Applied Neurofeedback schon wieder vorüber. Vom 16. bis 17. Juni fand sie dieses Jahr zum ersten Mal statt. Internationale Anwender:innen, Expert:innen und Interessierte trafen sich in Birmingham,Großbritannien, um sich über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich des Neurofeedbacks zu informieren und auszutauschen.

Die Veranstaltung deckte ein breites Spektrum an Themen rund um Neurofeedback ab. Renommierte Expert:innen, wie Sebern Fisher und Siegfried Othmer, teilten ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und die neuesten Forschungsergebnisse. Eine Mischung aus Vorträgen, Fallstudien, Diskussionen und praktischen Workshops bot allen Teilnehmer:innen zwei abwechslungsreiche und lehrreiche Tage.

Gruppenfoto

“Wir wollen einen Raum für Austausch schaffen, eine Plattform, auf der Menschen zusammenkommen und Ideen austauschen können", so beschrieb Melanie Klemann, Mitglied des Organisationsteams, im Vorfeld eines der Ziele der Konferenz. Rückblickend lässt sich sagen: Die Erwartungen wurden übertroffen. Die Einschränkung der sozialen Interaktion in den letzten Jahren und der damit verbundene Wunsch der Teilnehmenden nach Austausch war deutlich spürbar. Neben den Vorträgen wurden die gebotenen Gelegenheiten genutzt, um sich mit anderen Teilnehmenden auszutauschen und zu vernetzen. 

 

Insgesamt diente die Konferenz als Plattform für Wissensverbreitung, Innovation und Zusammenarbeit im Bereich Neurofeedback. Neben dem wissenschaftlichen Aspekt war es jedoch auch das Gefühl der Gemeinschaft und des Austausches, das diese erste Annual Conference for Applied Neurofeedback so erfolgreich machte.

 

Stay tuned for next year!
 

Studie zum kombinierten Einsatz von ILF Neurofeedback und Traumapsychotherapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen 

27. Juni 2023

In der Studie “Case Report: Infra-Low-Frequency Neurofeedback for PTSD: A Therapist's Perspective”
von Spreyermann (2022)  wird aufgezeigt wie eine kombinierte Therapie aus Trauma-Psychotherapie und Neurofeedback, speziell ILF-Neurofeedback und Alpha-Theta-Training, bei Patient: innen eingesetzt werden kann, bei denen eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (C-PTSD) diagnostiziert wurde. Dabei werden zwei Fallstudien dargelegt sowie eine qualitative Gesamtbeurteilung der klinischen Ergebnisse der letzten 7 Jahre durchgeführt.

Die Studie ist im Mai 2022 in Frontiers in Human Neuroscience erschienen.

Zitation: Spreyermann R (2022) Case Report: Infra-Low-Frequency Neurofeedback for PTSD: A Therapist’s Perspective. Front. Hum. Neurosci. 16:893830. doi: 10.3389/fnhum.2022.893830 PDF 

 

 

Neurofeedback und komplexe posttraumatische Belastungsstörungen

 

Von einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung spricht man, wenn die anhaltende PTBS-Symptomatik, wie Hyperarousal, Schlafstörungen, Panikattacken, Albträume, Flashbacks, Muskelverspannungen, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, emotionale Instabilität und depressive Symptome zusätzlich zu Persönlichkeitsveränderungen und emotionaler Dysregulation nach den Kriterien der International Classification of Diseases 11th Revision (World Health Organization, 2022) geführt hat. Patient:innen können als Additivum zu ihrer regulären psychotherapeutischen Therapie Neurofeedback erhalten, sofern sich durch die psychotherapeutische Behandlung nur unzureichende Verbesserungen der traumaspezifischen Symptome ergeben haben  (van der Kolk et al., 2016). Gemäß der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie zeichnen sich die Indikationen für eine kombinierte Therapie u.a. in dem symptomatischen Fortbestehen eines reizüberfluteten Zustandes aus, welcher sich bspw. in Form von Angstzuständen und Schlafstörungen, trotz traumafokussierte Psychotherapie und supportiver Medikationen, bemerkbar machen kann. Eine weitere Indikation, welche eine Therapie mit Neurofeedback nahelegt, ist das Fortbestehen dissoziativer Symptome, im Rahmen welcher die Patient: innen sowohl zu sich selbst als auch zu ihrer Umwelt eine beeinträchtigte Wahrnehmung haben. 

 

Fallbeispiele


Der Ablauf der kombinierten Therapie wird in vorliegender Studie anhand von zwei repräsentativen Fallberichten beschrieben und illustriert. Fall 1 handelt von einer 40-jährigen Frau, die an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Aufgrund verbleibender Symptome nach etwa 10 Jahren Psychotraumatherapie wurde eine Neurofeedback-Therapie empfohlen. Im Laufe von 47 Neurofeedback-Sitzungen konnte ein Rückgang der Symptomschwere auf unter 30 % des Ausgangswertes festgestellt werden.

Fall 2 behandelt die Geschichte einer 35-jährigen Frau mit C-PTSD. Im Laufe der 4.5 Jahre, in denen sie mit Neurofeedback behandelt wurde, konnte in Kombination mit Psychotherapie eine stetige und sehr positive Entwicklung festgestellt werden. Unter anderem konnte sie ihre umfangreiche psychiatrische Medikation reduzieren sowie ihre Schlafqualität deutlich verbessern.

 

 

Gesamtbeurteilung der klinischen Ergebnisse


Laut einer qualitativen Beurteilung in vorliegender Studie hat die Kombination aus traumabasierter Psychotherapie und ILF-Neurofeedback  in den letzten 7 Jahren zu überraschenden und motivierenden Ergebnissen geführt. Bei nur 2 der insgesamt 80 betrachteten Patient: innen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen konnten durch eine kombinierte Therapie mit Neurofeedback keine Verbesserungen festgestellt werden. 15 % der Patient: innen haben die Studie vorzeitig abgebrochen, sodass diesbezüglich keine validen Aussagen getroffen werden können. Bei den verbleibenden Patient: innen konnte eine Verbesserung der Symptomlast von durchschnittlich 60 - 90 % festgestellt werden.

 

Die Studienergebnisse legen vielversprechende Erkenntnisse für Patient: innen mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung nahe. Wie sie dem Volltext entnehmen können, zeigen die angeführten Fallberichte, dass Menschen, die sehr gelitten haben und nicht in der Lage waren, ein geregeltes Leben zu führen, mit Hilfe einer kombinierten Neurofeedback-Therapie in ihr Leben zurückfinden konnten. 

 

Die gesamte Studie lesen Sie hier.

 

Referenzen


Spreyermann, R. (2022): Case Report: Infra-Low-Frequency Neurofeedback for PTSD: A Therapist’s perspective. Frontiers in Human Neuroscience 16: 893830. doi: 10.3389/fnhum.2022.893830.

van der Kolk, B. A., Hodgon, H., Gapen, M., Musicaro, R., Suvak, M. K., Hamlin, E., et al., (2016). A randomizes controlled study of neurofeedback for chronic PTSD. Randomized Controlled Trial>PLoS. 11, e01166752. doi: 10.1371/journal.pone.0166752


 

PTSD
Case reports


The process of combined therapy is described and illustrated in this study using two representative case reports. Case 1 is about a 40-year-old woman suffering from complex post-traumatic stress disorder. Neurofeedback therapy was recommended due to residual symptoms after approximately 10 years of psychotrauma therapy. Over the course of 47 neurofeedback sessions, a decrease in symptom severity to below 30% of baseline was noted.

Case 2 discusses the history of a 35-year-old woman with complex post-traumatic stress disorder. Over the 4.5 years she was treated with Neurofeedback in combination with psychotherapy, a steady and very positive progression was noted. Among other things, she was able to reduce her extensive psychiatric medication as well as significantly improve her sleep quality.

 

Overall assessment of clinical outcomes


According to a qualitative assessment in the present study, the combination of trauma-based psychotherapy and ILF neurofeedback over the past 7 years has led to surprising and motivating results. In only 2 of the 80 patients with complex post-traumatic stress disorder, no improvement was observed with combined therapy and neurofeedback. 15% of the patients dropped out of the study prematurely, so that no valid statements can be made in this regard. In the remaining patients, an improvement in symptom burden of 60-90% on average was observed.

The study results suggest promising findings for patients with complex post-traumatic stress disorder. As you can see from the full text, the case reports cited show that people who have suffered greatly and have not been able to lead a regular life have been able to get back to their lives with the help of combined neurofeedback therapy. 

Read the entire study here.

 

 


References


Spreyermann, R. (2022): Case report: infra-low frequency neurofeedback for PTSD: A therapist's perspective. Frontiers in Human Neuroscience 16: 893830. doi: 10.3389/fnhum.2022.893830.

van der Kolk, B. A., Hodgon, H., Gapen, M., Musicaro, R., Suvak, M. K., Hamlin, E., et al., (2016). A randomizes controlled study of neurofeedback for chronic PTSD. Randomized Controlled Trial>PLoS. 11, e01166752. doi: 10.1371/journal.pone.0166752

Erste Annual Conference for Applied Neurofeedback - vom 16. bis 17. Juni 2023 in Birmingham, UK

31. Mai 2023

In diesem Jahr findet die erste Annual Conference for Applied Neurofeedback, kurz: ACAN, in Birmingham statt. Vom 16. bis 17. Juni geben internationale Expert:innen in Vorträgen und Diskussionsrunden Einblicke in die moderne Neurofeedback-Forschung und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wobei das Thema Trauma im Fokus steht. In praktischen Neurofeedback-Workshops werden innovative Technologien wie Virtual Reality, QEEG, Neurofeedback im Bereich der Peak Performance und Biofeedback behandelt. 


“Wir freuen uns sehr, dass einige namhafte Persönlichkeiten wie Sebern Fisher und Siegfried Othmer an der Konferenz teilnehmen und ihre Expertise teilen. Die Konferenz bietet geballtes Fachwissen und die optimale Möglichkeit, neue Impulse und Anregungen für die Praxis zu erhalten. Ich bin mir sicher, dass die Konferenz einen großen Mehrwert für alle Teilnehmenden bietet.”, so Alan Beresford, UK Manager von BEE Systems Limited. Teilnehmende der Konferenz erwarten Einblicke in die tägliche klinische Praxis sowie die Integration von innovativen Technologien wie Virtual Reality Neurofeedback und Biofeedback-Anwendungen in die Neurofeedback-Praxis. Renommierte Expert:innen legen in Impulsvorträgen dar, wie und warum Neurofeedback im Bereich der Traumatherapie eine zunehmend relevante Rolle spielt. Zudem werden aktuelle Erfahrungen mit Neurofeedback-Behandlungen bei Long Covid diskutiert.

 

An der ACAN nehmen Fachleute für psychische Gesundheit aus der ganzen Welt teil. Die Konferenz bietet damit auch eine wertvolle Plattform für intensiven Austausch und ermöglicht allen Teilnehmenden neue Impulse für verbesserte Praxis und eine optimierte Anwendung von Neurofeedback zu erhalten sowie ihr Netzwerk international zu erweitern. “Mit ACAN möchten wir eine internationale Plattform für anwendungsorientiertes Neurofeedback schaffen.”, so Johannes Spallek, Geschäftsführer der BEE Medic GmbH und weiter “Teilnehmende können nicht nur in persönlichen Kontakt mit Fachkolleg:innen treten und sich von Gleichgesinnten inspirieren lassen, sondern verlassen die Konferenz mit einem Bündel an Wissen und umsetzbaren Ideen, um mit Neurofeedback noch mehr zu erreichen”.

 

Weitere Informationen und Details zur Konferenz sowie zum Ticketkauf finden Sie hier.
 

Andrea Icking

Andrea Icking

Profil

Andrea Icking ist Diplom Psychologin mit Ausbildungen in humanistischen, tiefenpsychologischen, systemischen Therapieverfahren und einer Zusatzbezeichnung in Klinische Psychologin, BDP (Bund Deutscher Psychologen).
Die längste Zeit ihres Berufslebens arbeitete Sie in verschiedenen Großunternehmen in der Personal- und Organisationsentwicklung bzw. in der Unternehmensentwicklung und erwarb parallel ihren MBA Titel.
Ihr ganzes Berufsleben war begleitet von einem starken Interesse an den Ergebnissen der neueren Hirnforschung und den daraus resultierenden Behandlungsoptionen. So wurde sie immer häufiger auf die Erfolge des Neurofeedback Trainings aufmerksam und hat sich im Jahr 2019 mit einer psychologischen Praxis für Neurofeedback in Bremen selbständig gemacht. Ihre Behandlungserfolge und die Nachfrage motivieren und bestätigen sie täglich aufs Neue.

Erfahrungen mit Neurofeedback

  • arbeitet mit Neurofeedback seit 2019

Kursportfolio

  • Neurofeedback Grundkurse

Sprachen

  • Deutsch
  • Englisch

Weitere Angebote

  • Einzelsupervisionen 

Woche der mentalen Gesundheit bei Bee Medic

03. Mai 2023

Die psychische Gesundheit ist neben der physischen Gesundheit ein zentraler Faktor zur Beurteilung der Lebensqualität. Die Relevanz der psychischen Gesundheit kann insbesondere durch einen Rückblick auf die vergangenen Jahre verdeutlicht werden. Einer aktuellen longitudinalen Studie von aus dem Jahr 2023 zufolge seien die Inzidenzraten an Depressionen und Angststörungen während der Covid-19-Pandemie signifikant höher gewesen als zu einem Vergleichszeitpunkt vor der Pandemie (Bower, 2023). Die Langzeitauswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Menschen sind allerdings bislang noch nicht erschöpfend erforscht.


Das Thema wird auch im Rahmen der europäischen Woche der mentalen Gesundheit aufgefasst, welche dieses Jahr vom 22.-28. Mai zum vierten Mal stattfindet. Da die psychische Gesundheit der Menschen stets ein universelles Thema ist, steht die diesjährige Aktionswoche unter dem Motto: Psychisch gesunde Gemeinschaften.


Ob jung oder alt, wir alle brauchen mehr Verständnis, Wissen und Fähigkeiten, um unsere psychische Gesundheit zu erhalten bzw. zu verbessern. Aus diesem Grund ist es von zentraler Bedeutung die psychische Gesundheit von Gemeinden zu fördern, da psychisch gesunde Gemeinden es uns ermöglichen ohne Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung zu leben. Das Ziel ist es, das Verständnis sowie die Akzeptanz für die psychische Gesundheit in unseren Gemeinden, Schulen, am Arbeitsplatz und zu Hause zu fördern, damit sich jede Person in jeder Lebensphase wohlfühlen und entfalten kann.
 

grüne Schleife
Neurofeedback und mentale Gesundheit


Und auch wir wollen uns diesem Motto in der europäischen Woche der mentalen Gesundheit anschließen. Deshalb möchten wir über Neurofeedback sprechen, welches ein Baustein in der Therapie mentaler Erkrankungen sein kann. Neurofeedback zielt darauf ab, die Selbstregulierungsfähigkeit des Gehirns zu verbessern und damit vor allem auch Symptome mentaler Erkrankungen zu lindern. Durch den Fokus auf die Symptomverbesserung bringt Neurofeedback eine gewisse Leichtigkeit in die Therapie, denn meist zeigt sich sehr schnell, ob Patient:innen auf Neurofeedback reagieren. Erste Erfolge motivieren und auch besonders leistungsorientierte Menschen finden meist einen guten Zugang zum Neurofeedback, da es sich gar nicht so sehr “nach Therapie anfühlt”. Das Setting ist entspannend und das Gehirn macht das Neurofeedback “von allein”. Und auch für Therapeut: innen bedeutet Neurofeedback meist ruhiges Arbeiten und somit auch Entlastung und Leichtigkeit im Therapiealltag.

 

Expertentalk zur mentalen Gesundheit von Therapeut: innen


Über Neurofeedback und mentale Gesundheit sprechen wir deshalb am 22. Mai in einem spannenden Webinar mit Neurofeedback Expertinnen Dr.rer.nat. Meike Wiedemann und Veronika Kreitmayr. Die beiden stellen in ihrem Webinar unter anderem vor, dass das Thema der mentalen Gesundheit ein wesentlicher Faktor unserer Lebensqualität ist, welches insbesondere in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt ist. Einen zentralen Stellenwert des Webinars wird die
Auseinandersetzung der psychischen Gesundheit von Therapeut: innen darstellen, da diese infolge stressiger Arbeitsalltage häufig in den Hintergrund rückt. Die beiden Dozentinnen stellen dar, was seelische Gesundheit eigentlich bedeutet, wie Neurofeedback vielen Patient: innen helfen kann und wie es den Therapiealltag der Therapeut: innen entlasten kann.

 

Hier gelangen Sie zu unserem kostenlosen Webinar am 22. Mai.


    
Quellen:
Bower, M.; Smout, S.; Donohoe-Bales, A.; O’Dean, S.; Teesson, L.; Boyle, J.; Lim, D.; Nguyen, A.; Calear, A.L.; Batterham, P.J.; Gournay, K.; Teesson, M. (2023): A hidden pandemic? An umbrella review of global evidence on mental health in the time of Covid-19. Front Psychiatry. Published online 2023 Mar 8. doi: 10.3389/fpsyt.2023.1107560.
Mental Health Europe (2023): European Mental Health Week - Mental Health Europe (mhe-sme.org).

Schlaf als Symptom - Warum Schlaf so wichtig ist und wie Neurofeedback bei Schlafproblemen helfen kann.

17. März 2023

Wir alle wissen, wie wichtig Schlaf ist, vor allem dann, wenn wir Probleme damit haben: Schwierigkeiten beim Einschlafen, nicht Durchschlafen können, ständiges Aufwachen und schlechtes Wiedereinschlafen - Schlafstörungen sind vielseitig, ihre Ursachen auch. In diesem Blogbeitrag wollen wir erklären, warum Schlaf so wichtig ist, was Folgen von schlechtem Schlaf sein können und wie Neurofeedback bei Schlafproblemen helfen kann.

 
Wer viel schläft, schläft auch gut, oder?


Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Das Schlafbedürfnis unterscheidet sich je nach Alter und Geschlecht. Frauen brauchen allgemein mehr Schlaf als Männer und Kinder mehr als Erwachsene. Aber auch andere Faktoren wie Jahreszeit, Gewohnheit, Gesundheit oder Lebensumstände beeinflussen unser Schlafbedürfnis (Hirshkowitz et al., 2015). In Mitteleuropa liegt die durchschnittliche Schlafdauer bei sieben Stunden pro Tag, wobei sie zwischen fünf bis neun Stunden variiert. Die Schlafdauer sagt dabei nicht unbedingt etwas über die Schlafqualität und das Gefühl des Erholt Seins aus (Crönlein et al., 2017). Ob wir uns erholt fühlen und fit durch den Tag kommen, hängt dabei vor allem von unserem subjektiven Empfinden ab.

 
Welche Schlaftypen gibt es?  


Die Wissenschaft unterscheidet drei Chronotypen: Abend-, Morgen- und Normaltyp. Sie unterscheiden sich hinsichtlich des Zeitpunktes ihres Leistungshochs, der Wachheit und der Schlafpräferenz (Crönlein et al., 2017). Während der Morgentyp, wie das Wort schon vermuten lässt, in den Morgenstunden besonders leistungsfähig ist und Schwierigkeiten hat abends lange wach zu bleiben, kann der Abendtyp besonders zu späterer Stunde hohe Leistungen erbringen und empfindet die Morgenstunden als quälend. Diese beiden Extremtypen sind jedoch eher selten (Crönlein et al., 2017). Am häufigsten findet man den Normaltyp in der Gesellschaft. Diese Menschen werden weder besonders früh noch spät wach, sind also ein Mischtyp aus der “Lerche” (Morgentyp) und “Eule” (Abendtyp).

 

Woher wissen wir, wann wir schlafen müssen?


Klar, wenn wir müde sind, aber warum werden wir müde? Ganz gleich welcher Schlaftyp wir sind, unsere Müdigkeit und der Drang zu schlafen wird durch zwei Faktoren hervorgerufen: dem circadianen Rhythmus und dem Hormon Adenosin. Der circadiane Rhythmus ist sozusagen die “innere Uhr”, dem unser Organismus und all unsere Zellen folgen. Er dauert ca. 24 Stunden (daher auch die Bezeichnung circadian, die sich aus dem Lateinischen circa, ungefähr so wie dies also Tag ableitet). Dieser circadiane Rhythmus beeinflusst unter anderem Hormonausschüttung und Stoffwechselprozesse, so auch den Schlaf-Wach-Rhythmus. Er signalisiert dem Körper, durch die Ausschüttung des Hormons Melatonin, schlafen zu müssen. Doch nicht allein Melatonin macht uns müde. Unsere Zellen arbeiten den ganzen Tag auf Hochtouren und brauchen Energie. Dabei entsteht Adenosin. Je länger der Tag dauert, desto mehr Adenosin sammelt sich im Körper. Und je mehr Adenosin im Körper ist, desto höher wird der Schlafdruck und wir werden müde. Während des Schlafens wird das Adenosin dann wieder abgebaut, der Schlafdruck sinkt über die Nacht. Wenn wir aufwachen, beginnt der Prozess wieder von vorne (Birbaumer & Schmidt, 2010).

 

Was passiert bei fehlendem Schlaf - Schlaf als Symptom


Man kann verschiedene Arten von Schlafstörungen unterscheiden: Insomnien, Hypersomnien, Parasomnien, Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen oder motorische Störungen wie das Restless-Leg-Syndrom (Spiegelhalder, Backhaus & Riemann, 2011). Zwischen 2010 und 2017 ist die Zahl der Schlafstörungen bei Berufstätigen um 66% gestiegen, etwa jede zehnte Person leidet an insomnischen Beschwerden (DAK, 2017). Dazu gehören Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen und nicht erholsamer Schlaf.
Wer kennt es nicht: man hat Stress auf der Arbeit, schläft nicht gut und ist am nächsten Tag auf der Arbeit nicht leistungsfähig - ein Teufelskreis. Dass das unserem Organismus nicht gut tun kann, scheint logisch, aber was genau sind denn die Folgen von Schlafstörungen? Schlafen wir nicht gut, kann das zu einer erhöhten Einschlafgefahr, fehlender Energie und Motivation, Anspannung, Kopfschmerzen, Verstimmungen und Konzentrationsstörungen führen (DAK, 2017). Und auch psychische Störungen können sich in Folge von Schlafmangel verschlechtern (Crönlein et al., 2017). Schlafqualität und auch eine genaue Erhebung von Schlafproblemen sind daher ein wichtiger Bestandteil der Befunderhebung vor der Neurofeedback-Therapie.

schlafen
Schlaf als Symptom - Wie Neurofeedback helfen kann 


Neurofeedback kann generell bei verschiedenen Schlafproblemen eingesetzt werden, denn Schlafprobleme treten oft als Symptom anderer Krankheiten auf. Schlaf ist dabei gerade zu Beginn der Neurofeedback-Therapie ein wichtiger Indikator, um geeignete Anfangspositionen für das ILF Neurofeedback festzulegen. So macht es einen Unterschied, ob Patient:innen eher Schwierigkeiten beim Einschlafen haben oder eher Probleme mit dem Durchschlafen, also eine bessere Regulierung der Schlafphasen benötigen. Auch eine Kombination aus beiden kann vorliegen und beeinflusst, mit welchen Elektrodenpositionen man beim ILF Neurofeedback startet. 

Darüber hinaus sind Schlafstörungen ein gut beschreibbares Symptom, das bei vielen Betroffenen einen hohen Leidensdruck auslöst, da die Auswirkungen im Alltag spürbar sind. Schlaf ist daher meist auch ein Symptom, bei dem erste Behandlungserfolge mit ILF Neurofeedback schnell sichtbar werden können. “Endlich mal wieder” Ein- oder Durchschlafen zu können, bringt für viele Patient:innen eine deutliche Verbesserung in den Alltag.

Auch Studien untermauern die positiven Effekte des Neurofeedbacks auf Schlafstörungen. So berichteten Proband:innen von einer subjektiven Verbesserung ihrer Schlafqualität und besseren Leistungsfähigkeit am Tag (Hammer et al, 2011; Schabus et al., 2013). Neurofeedback kann zudem die Schlaf-Latenzen, also die Zeit, die man vom Hinlegen bis zum tatsächlichen Einschlafen benötigt,  minimieren (Wu et al., 2021). Eine weitere Studie zeigt, dass Schlafprobleme bei Burnout Patient:innen verbessert werden konnten (Kratzke et al., 2020). 

Gerade auch ADHS Patient:innen berichten immer wieder von Schlafproblemen. Eine Verbesserung dieser Probleme konnte durch SMR Neurofeedback Training festgestellt werden (Arns, Feddema & Kenemans, 2014). Eine Erklärung dafür wird in einem Übersichtsartikel von Arns & Kenemans (2014) gegeben, in dem die Auswirkungen von Neurofeedback auf die sogenannte Schlafspindelschaltung diskutiert werden. Eine erhöhte Schlafspindeldichte führt zu einer Normalisierung der Schlaflosigkeit, was wiederum die ADHS-Symptome reduziert. “In einer […] randomisierten, kontrollierten Studie wurden 27 gesunde Erwachsene mit SMR-Konditionierung trainiert, um den Schlaf und das deklarative Lernen zu verbessern. Nach 10 Sitzungen konnten positive Veränderungen bei Schlafparametern wie Schlafspindeln und Einschlaflatenz beobachtet werden” (Übersetzung der Autorin, Hoedlmoser et al., 2008).

Auch bei einer Patientin, die mit ILF Neurofeedback im Virtual Reality Setting behandelt wurde, konnten die Schlafprobleme verbessert werden. Diese Verbesserungen hielten auch nach einem einjährigen Follow-up an. (Orakpo et al., 2021). Bei einem anderen Fallbeispiel konnte durch die Behandlung mit dem ILF Neurofeedback im Virtual Reality Setting die schmerzbedingte Schlaflosigkeit eines Patienten verbessert werden. Auch hier wurde die nachhaltige Verbesserung nach einem Jahr bestätigt (Orakpo et al., 2022).

Neurofeedback kann, basierend auf aktueller Forschung und auf Basis von klinischen Erfahrungswerten, ein sinnvoller Therapiebaustein in der Behandlung von Schlaflosigkeit oder Symptomen von gestörtem Schlaf sein. Gemeinsam mit anderen Forscher:innen arbeiten wir derzeit an der Unterstützung weiterer Neurofeedback-Studien. 

Für ausführliche Informationen zu Neurofeedback sowie zu wissenschaftlichen Arbeiten wenden Sie sich gerne an uns. 

 

 

 

 

 

Quellen:
Arns, M., Feddema, I. & Kenemans, J. L. (2014) Differential effects of theta/beta and SMR neurofeedback in ADHD on sleep onset latency. Front. Hum. Neurosci. 8, 1–10.


Birbaumer, N., Schmidt, R. (2010) Wach-Schlaf-Rhythmus und Aufmerksamkeit, in: Schmidt, R. F.,Lang, F.,Heckmann, M. (Hrsg.), Physiologie des Menschen, 31., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Heidelberg, Springer Medizin-Verlag, 181–200.


Crönlein T, Galetke W, Young P. (2017) Schlaf und Schlafmedizin – Grundlagen. In: Crönlein T, Galetke W, Young P, Hrsg. Schlafmedizin 1×1. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin, Heidelberg.


Hammer, B. U., Colbert, A. P., Brown, K. A. & Ilioi, E. C. (2011). Neurofeedback for insomnia: A pilot study of Z-score SMR and individualized protocols. Appl. Psychophysiol. Biofeedback 36, 251–264.


Hirshkowitz, M., Whiton, K., Albert, S. M., Alessi, C., Bruni, O., DonCarlos, L., Hazen, N., Herman, J.,


Katz, E. S., Kheirandish-Gozal, L., Neubauer, D. N., O'Donnell, A. E., Ohayon, M., Peever, J., Rawding, R., Sachdeva, R. C., Setters, B., Vitiello, M. V., Ware, J. C., Adams Hillard, P. J. (2015) National Sleep Foundation's sleep time duration recommendations: methodology and results summary. Sleep health 1, 1, 40–43.


Hoedlmoser, K., Pecherstorfer, T., Gruber,G., Anderer, P., Doppelmayr, M., Klimesch, W., Schabus, M. (2008) Instrumental Conditioning of Human Sensorimotor Rhythm (12-15 Hz) and Its Impact on Sleep as Well as Declarative Learning. SLEEP 31, 1401–1408.


Kratzke, I. M., Campbell, A., Yefimov, M. N., Mosaly, P. R., Adapa, K., Meltzer-Brody, S., Farrell, T. M., Mazur, L. M. (2020) Pilot Study Using Neurofeedback as a Tool to Reduce Surgical Resident Burnout. Journal of the American College of Surgeons 232, 74-80.


Marschall, J., Hildebrandt, S., Sydow, H., Nolting, H.-D. (2017) Gesundheitsreport 2017. Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update: Schlafstörungen, 1. Auflage, Heidelberg, Neckar, medhochzwei Verlag.


Orakpo, N., Vieux, U. & Castro-nuñez, C. (2021) Case Report : Virtual Reality Neurofeedback Therapy as a Novel Modality for Sustained Analgesia in Centralized Pain Syndromes. Front. Hum. Neurosci 12, 3–7.


Orakpo, N., Yuan, C., Olukitibi, O., Burdette, J., Arrington, K. (2022) Does Virtual Reality Feedback at Infra-Low Frequency Improve Centralized Pain With Comorbid Insomnia While Mitigating Risks for Sedative Use Disorder?: A Case Report. Front. Hum. Neurosci 16, 1-5.


Schabus, M., Heib, D. P. J., Lechinger, J., Griessenberger, H., Klimesch, W., Pawlizki, A., Kunz, A. B., Sterma, B. M., Hoedlmoser, K. (2013) Enhancing sleep quality and memory in insomnia using instrumental sensorimotor rhythm conditioning. Biol. Psychol. 95, 126–134.


Spiegelhalder, K., Backhaus, J. & Riemann, D. (2011) Schlafstörungen (2. Aufl.). Hogrefe eLibrary: Band 7. Hogrefe.


Wu, Y., Fang, S., Chen, S., Tai, C. & Tsai, P. (2021) Effects of Neurofeedback on Fibromyalgia : A Randomized Controlled Trial. Pain Manag. Nurs. 21, 755-763.

In Erinnerung an Sue Othmer

08. Februar 2023

 

 

Sue Othmer

Als Neurofeedback vor mehr als vierzig Jahren entdeckt wurde, ließ sich das Potenzial dieser Therapie zwar erahnen, doch es stellten sich zugleich von Beginn an unzählige Fragen: Was passiert da genau im Gehirn? Wie lassen sich die Effekte erklären? Wie lassen sich vor allem wirksame Ansätze für die Praxis entwickeln, und wie misst man die Effekte? Herausforderungen, die bis heute bestehen.

Sue hat sich genau diesen Fragen gewidmet und dabei einen kompromisslosen Fokus gesetzt: für sie standen die Symptome des Patienten an erster Stelle sowie das Beobachten deren Veränderungen durch Neurofeedback. Ihre unermüdlichen, genauen und systematischen Beobachtungen der Effekte in hunderttausenden von Neurofeedback-Sitzungen ermöglichten die kontinuierliche Weiterentwicklung stets auf Basis bis dato bekannter Verfahren. Sie setzte dabei neue und unerreichte Maßstäbe. Die Essenz wissenschaftlicher Arbeit und der Geist der Definition evidenzbasierter Medizin standen im Mittelpunkt. Geleitet vom höchsten Respekt vor dem Leiden des Patienten wirkte sie mit ansteckender Neugier. Das Othmer Verfahren wird noch für lange Zeit die Referenz sein, an der sich neue Verfahren werden messen lassen müssen.

Sue’s naturwissenschaftliche Ausbildung und die Liebe zur Natur spiegeln sich in ihrer Art und ihrer Arbeit wider. Wie kaum jemand anderem gelang es ihr die Komplexität des  Gehirns und die Prinzipien der Selbstregulation, auf der das ganze klinische Modell der Methode beruht, auf einfache, klare, präzise und sehr verständliche Weise darzustellen und zu unterrichten. Ihr lag es am Herzen, dass die Therapeutinnen und Therapeuten den Neurofeedback Prozess wirklich verstehen, um in der Therapie auf die Anforderungen eines jeden Gehirns individuell einzugehen.

So hat Sue zudem über Jahrzehnte mit größter Leidenschaft Ihr Wissen weitergegeben und tausende von Therapeutinnen und Therapeuten ausgebildet. Heute ist ihre Lehre Grundlage für ein großes Netzwerk von Ausbildungsinstitutionen in 19 Ländern und 15 Sprachen. Und auch in diesem Punkt war Sue kompromisslos: den Eingang in die Lehre und das Placet bekamen Verfahren erst dann, wenn diese so anwenderfreundlich waren, dass diese in der täglichen klinischen Praxis zum Einsatz kommen konnten.

Durch ihr gesamtes Schaffen hat sie nicht zuletzt unzähligen Menschen mit langen Leidenswegen ermöglicht, ein lebenswertes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Tagtäglich profitieren heute zig tausende Patientinnen und Patienten rund um den Globus von einer effektiven Therapie, die sie möglich gemacht hat.
 
Wir hatten die Ehre, mehr als 15 Jahre mit dieser herausragenden Persönlichkeit in Forschung und Entwicklung zusammenzuarbeiten. Wir denken mit größtem Respekt und Anerkennung an Sue, die uns als außergewöhnliche Klinikerin und inspirierende Lehrerin & Mentorin für immer in Erinnerung bleiben wird.

Wir betrauern ihren Tod. Die Welt ist um eine unglaubliche Person ärmer geworden.

Gernot Krupitz

Mag. Gernot Krupitz

Profil

Gernot Krupitz studierte Psychologie, Pädagogik und Sport in Wien. Danach arbeitete er begleitend zu seiner tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapieausbildung in Bereichen der Sozialpädagogik und im Familiencoaching. In seinen psychoedukativen Vorträgen widmet er sich neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Fragestellungen zu den Themen, Lernen, Konzentration, Motivation, Interesse sowie der kritischen Betrachtung von Digitalisierung und psychischer Gesundheit. Seit 2017 arbeitet er in freier Praxis mit Schwerpunkt Neurofeedback.

Erfahrungen mit Neurofeedback

Seit 2017 arbeitet er mit der Methode nach Othmer vorwiegend in den Symptomfeldern Entwicklungsverzögerung, ADHS, ADS, Depression, Burnout, Angst, Epilepsie, Gehirnverletzungen und Alzheimer.

Kursportfolio

  • Neurofeedback Infotage
  • Grundkurse

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